Brief von Paul Thalmann an Jakob Moneta (24.6.1970)

Nizza den 24/6/70

Lieber Jankel,

Mit einiger Ueberraschung und grossem Interesse empfing ich deinen Brief an W. Abendroth und die Fotokopie von „Arbeiter und Soldat“. Das liegt ja alles so weit zurück und verliert trotzdem nicht an Aktualität. Zur Sache wäre sehr viel zu sagen, richtig, zu stellen, mit der Zeit verbrämen Legenden die wahren Ereignisse.

Ob Victor, das war sein Kriegsname hier, Monat hiess und aus welcher jüdischen Gruppe aus Berlin er kam ist für mich ohne Bedeutung, so viel ich erfahren habe hiess er Paul Wendelin, aber das kann schon sein Pseudonym in Hitlerdeutschland gewesen sein.

Victor kam 1943 [handschriftlich: oder 42] von Brüssel nach Paris: wer ihm unsere Adresse gab weiss ich nicht. Jedenfalls, neben ihm war ich und Klara die Hauptpersonen in der ganzen Tragödie. Ich war der einzige der ihn im Spital aufsuchte, mit ihm sprach, seine ganze. Erzählung mitanhörte und die Dispositionen für seine Entftthrung aus dem Rothschildspital traf. Mein Bericht ist also der einzig autenthische, da ihn von seiner trotzkististischen [sic] Gruppe nachdem er zusammen geschossen worden war kein Mensch sprach.

Um es sofort vorwegzunehmen: Victor wohnte bis kurz vor seiner Verhaftung bei uns, die fr. Trotzkisten waren unfähig ihm Quartier zu beschaffen. Die Zeitung wurde, bei uns in der rue Friant hergestellt, ausser Victor, mir und den Soldatenbriefen aus Brest gab es keine anderen Mitarbeiter. Unsere Gruppe (L’Union de Communistes Internationalistes) verteilte sie auch in Paris und Umgebung. Ich glaube versichern zu können, soweit es Frankreich betrifft, dass wir die einzigen waren denen es gelang Soldatenzellen in der Hitlerarmee zu bilden; in der Hauptsache die Arbeit von Victor u. der trotzkistischen Gruppe in Brest.

Als Victor zu uns kam war er ganz und gar auf der Linie der IV. Das führte zwischen uns zu heftigen Debatten, da, wie du ja weisst, [ich] diese Linie schroff ablehnte. (Heute mehr den je.) Unsere Diskussionen, das Lesen der Literatur bei uns, die praktischen Erfahrungen mit den fr. Trotzkisten modifizierten Victors Einstellung beträchtlich. Seine Gruppe war nicht fähig (oder bereit?) ihm Wohnung, Maschinen und Roneo, Papier usw. zu liefern, das fand er alles trotz der Differenzen bei uns.

Was die Nummer vom Juni betrifft (die letzte, bei ihren Erscheinen war Victor schon verhaftet) so ist sie sicher von ihm geschrieben, denn diese Illusionen über Rätedeutschland hatten wir wirklich nicht, ganz im Gegenteil.

Leider wird es kaum gelingen die Namen der deutschen Soldaten die erschossen wurden zu eruiren [sic]; man weiss auch ihre genaue Zahl nicht. Nach Victors Angaben waren ungefähr siebzehn Soldaten erfasst, ein Teil wurde erschossen, ich erinnere mich aber dass ein grösserer Teil an die Ostfront geschickt wurde.

Wie die Sache hochging ist nicht ganz klar; den fr. Trotzkisten darf man da nicht zu sehr vertrauen. Soweit ich mit ihnen sprach (sie schreiben ja auch eine Geschichte ihrer Widerstandsbewegung, Yves Crepaeu [Crapieau], den du du eigentlich kennen musstest). Vermutlich durch Unachtsamkeit der trotzk. Gruppe in Brest gelang es der Gestapo dort die ersten Verhaftungen vorzunehmen, natürlich fanden sie Adressen und rollten alles bis Paris auf; Im Zuge dieser Verhaftungen wurde dann in Paris auch Marcel Hic verhaftet, der damals Sekretär der IV. war. (Er ist in Buchenwald umgekommen). Die Gestapo wusste von einem gerissen Victor der diese Tätigkeit leitet, mehr nicht und sie suchten eifrig nach ihm.

Wie es zu seiner Verhaftung kam ist ungeklärt. Im Mai 43 [handschriftlich: 44] fand Victor ein deutsches Mädchen, mit dem er zusammen lebte, sie hatte eine Wohnung. Leider weiss ich ihren Namen nicht mehr. In dieser Wohnung wurde er im Juni von der französischen Polizei verhaftet. Er wurde geprügelt und sie wussten ungefähr wen sie erwischt hatten. Mit ihm und seinem Mädchen war gleichzeitig ein rumänischer Trotzkist verhaftet worden. Victor war in dritten Stock untergebracht, der Rumäne im ersten; ihm gelang es aus dem Fenster zu stürzen und zu flüchten. Darüber erbost erklärten die fr. Polizisten jetzt werden wir dich Saujuden der Gestapo ausliefern. Sie taten es. Victor wurde schrecklich geschlagen. Sie fragten ihn: Du bist Jude? Er antwortete: „Ich bin stolz darauf.“ Wer wird den Krieg gewinnen? „Hitler auf keinen Fall“, beharrte Victor. Das dauerte einige Tage, und da sie nichts aus ihm herauskriegten holten sie ihn eines Tages. Zwei Soldaten und zwei Offiziere. Sie setzten ihn in ein Auto und erklärten ihm wir fahren dich jetzt nach dem Militärgefängnis in Fresnes, du wirst in Deutschland abgeurteilt. Im Wald von Vincennes schlugen sie kleine Wege ein, er musste aussteigen und einer der Offiziere legte ihm die Pistole an die Schläfe, ein zweiter Schuss berührte das Herz; sie liessen ihn liegen in der Meinung er sei tot. Er war es nicht. Soweit ist deine Darstellung richtig dass ihn ein fr. Polizist fand und ihn ins Rothschildspital fahren liess.

Wir erhielten Nachricht von Victos [sic] Verhaftung, ohne irgendwelche Angaben und Einzelheiten. Im Juni – nach dem Attentat von Stauffenberg auf Hitler – läutete das Telefon und eine Frau fragte mich: „kennen sie einen Herr Victor.“ Ich antwortete sofort Nein. Die Frau erklärte dann „Ich bin hier im Rothschildspital Krankenschwester und Herr Victor gab mir ihre Nummer, er liegt hier krank.“ Daraufhin fragte ich nach der Besuchszeit, nach Rücksprache mit unseren Kameraden fuhr ich ins Spital. Da lag er, dicken Verband um Kopf und Brust. Leise erzählte er mir die Geschichte. Ich fragte: „Weiss deine Organisation dass du hier bist?“ „Nein“ sagte er und gab mir zwei Adressen. Ich radelte zu einer hin, es war die Frau von Pablo (Pablisten) den Griechen. Wir kannten uns nicht und sie war sehr misstrauisch; ich musste ihr so viel Einzelheiten ueber die IV. erzählen dass sie keinen Zweifel mehr hatte und zugab dazu zu gehören. Sie behauptete: „wir wissen dass Victor im Spital ist, wir beobachten ihn da wir einen Arztgenossen im Spital haben, wir werden ihn herausholen.“

Ich ging anderntags nochmals zu Victor um ihm zu berichten. Er meinte: „Paul, hol du mich hier raus, ich hab zu unseren fr. Genossen kein Vertrauen.“ Ich versprach unsere Gruppe dafür zu mobilisieren. Daraufhin fragte ich ihn: „Hast du Besuch gehabt?“ Victor bejahte und sagte,: „Der behandelnde Arzt kam um mich zu untersuchen, mit ihn ein Unbekannter. Hinter dem Rücken des Arztes hatte der Unbekannte ein Metrobillet in der Hand auf dem mein Name stand. Er fragte nur durch Kopfnicken und ich bejahte. Ich war im Bild, sagte aber Victor nichts ueber meine Befürchtung. Zuhause berieten wir was zu tun war. Wir wollten durch einen Arzt eine Ambulanz für Klara bestellen lassen und hätten den oder die Fahrer mit Waffengewalt gezwungen ins Rothschildspital zu fahren. Es war Freitag, Samstagmorgen sandte ich einen Genossen zu Victor um sicher zu gehen: er war schon geholt worden, eine halbe Stunde nach meinem Weggehen. Zu spät.

Wir gaben nicht auf, im Gegensatz zu den Trotzkisten die nichts unternommen hatten. Wir fanden nach langwierigen Nachforschungen heraus dass Victor im deutschen Militärgefängnis Bld. Hopital sass. Wir drangen bis zum protest. Militärgeistlichen vor, der sehr anständig war. Er sagte uns: „Ja, so ein Mann wurde hier eingeliefert und er ist auf dem Weg der Genesung; ich kann aber den Mann nicht besuchen da er in der Abteilung der Terroristen sitzt und da kommt nur die Polizei rein.“

Einige Tage später standen die Allierten vor Paris, die Kämpfe begannen. Das Militärspital wurde evakuiert und da waren wir zu schwach um etwas zu unternehmen. So verschwand Victor, wahrscheinlich irgendwo liquidiert.

Der ganze Fall ist in meinem nun fertiggestellten Buch genau geschildert. Die fr. Trotzkisten behaupteten später mein Besuch im Spital hätte die Gestapo auf Victors Spur gebracht; richtig ist natürlich dass der Polizist einen Rapport machte und die Einlieferung gemeldet wurde. Alle Eingelieferten mit Schusswaffenverletzung mussten den deutschen Behörden gemeldet werden. Wäre die trotzk. Version wehr, wären Klara und ich nicht mehr da.

Einen Verleger hab ich noch nicht. Falls dein Freund Abendroth da behilflich sein könnte wäre ich ganz zufrieden. War mit dem Europaverlag in Frankfurt in Verbindung und der damalige Leiter war einverstanden, ist dann aber kurz darauf gestorben, es war ein Freund von Franz Borkenau. Ich werde ihnen mein Manus trotzdem senden und ein zweites ev. an Carola Stern in Köln,

Falls W. Abendroht [sich] weitere Nachrichten Wünscht falls er eine Geschichte der Widerstandsbewegung schreibt, stehe ich zur Verfügung; wir haben ja noch andere Dinge gedreht; so de demonstrierten wir ostentativ zu dritt am 1. Mai 1944 auf dem Montmartre, Klara, ich und ein Spanier und sangen die Internationale usw. usw.

Bei uns gibt es sonst nichts neues; immer viel Leute, Jungens und Mädchen aus allen Weltteilen, immer lebhafte Diskussionen.

Und bei euch? Wie geht es mit Dahlia? Gedeiht sie, studiert sie? Und deine Arbeit?

Ich erhielt auch das Buch von Gustav Stern. Nur teilweise einverstanden. Ich bin halt kein Realpolitiker und beispielsweise werde ich Oder-Neissegrenze nie anerkennen. Das würde heissen einen schamlosen imperialistischen Raubzug anerkennen der Polen zerstückelte und Deutschland spaltete. Ich bin noch immer für ein soz. Europa d.h. Sturz der kap. Regierungen. Na, wenn wir mal den amerik. Imperialismus erledigt haben und den russischen gleich mit, wird es in der Welt anders aussehen.

Bis dahin…

empfang unsere besten Grüsse in alter Freundschaft:
Pavel

PS. Falls die von mir damals gewünschten Bücher erschienen sind, würdest du sie mir zusenden?

Quelle: Archiv von Rodolphe Prager, Ordner 301, im IISG in Amsterdam.

(Jankel war ein Pseudonym von Jakob Moneta, 1914-2012)