Schulbesetzungen in Brasilien

26.12.2015, Lesezeit 8 Min.
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Ende September hat der Gouverneur von Sao Paulo eine „Reorganisation“ der staatlichen Schulen Sao Paulos angekündigt - ein Euphemismus für massive Schulschließungen. Während der nächsten Monate protestierten Hunderte Schüler*innen auf der Straße und in den sozialen Netzwerken gegen diesen Vorstoß. Als der Tag der „Reorganisation“ näher kam, haben die Schüler*innen der Fernao Dias Oberschule sich entschlossen, ihre Schule zu besetzen. Sie stimmten dafür, dass sie die Schule so lange nicht verlassen bis Gouverneur Alckmin die Schulreorganisation stoppt. Seitdem wurden über 200 Schulen in Sao Paolo besetzt und dieser Trend ist weiter auf dem Vormarsch.

Zu Beginn des Jahres 2015 war das staatliche Schulsystem von Sao Paulo schon mit oft über 40 Schüler*innen überfüllt und viele Lehrer konnten keine Vollzeitstelle bekommen. Durch die Wirtschaftskrise schließt momentan der Gouverneur von Sao Paulo, Geraldo Alckmin, über 90 Schulen. Die Alckmin-Regierung behauptet, dass manche Schulen nicht ihre Kapazitäten ausschöpfen; dadurch hofft er, dass er mehr Schüler*innen in weniger Schulen verteilen kann.

Der Schulreorganisation bedeutet mehr als nur überfüllte Klassen. Schulschließungen bedeuten auch, dass Lehrer*innen gefeuert werden und dass erwartet wird, dass die übrigen Lehrer*innen mehr Schüler*innen auf einmal unterrichten. Das heißt auch, dass viele Schüler*innen die Schule abbrechen, weil viele nach dem Unterricht arbeiten müssen. Diese Schüler*innen sind darauf angewiesen, eine Schule in der Nähe ihrer Wohnung zu haben, um arbeiten zu können, was oft notwendig für das Auskommen ihrer Familie ist.

Nach der Verkündigung der Schulschließungen brachen Proteste im ganzen Distrikt aus.
Manche von diesen Protesten waren relativ klein mit nur einigen Hundert Schüler*innen während andere mit fast tausend Teilnehmer*innen größer waren. Außerdem haben Schüler*innen Videos von den Protesten gemacht, die über YouTube verbreitet wurden.

Trotzdem waren die Proteste nicht genug, um die Schulschließungen abzuwenden; deshalb haben die Schüler*innen der Ferna Dias Oberschule sie besetzt. Um 6 Uhr morgens haben die Schüler*innen die Tür der Schule abgeschlossen und eine Versammlung einberufen, die für die Besetzung der Schule gestimmt hat, obwohl es Drohungen von der Schulverwaltung, Teilen der Lehrer*innenschaft und der Polizei gab. Sie haben auch Verbindung zu anderen Schulen aufgenommen und deren Schüler*innen eingeladen bei der Besetzung mitzumachen und ein Flugblatt verteilt, das erklärt hat, wie man eine Schule besetzt.

Nach ein paar Tagen waren schon 3 Schulen besetzt. Nach einem Monat waren es dann über 190 allein in Sao Paulo und ein paar mehr in anderen Distrikten. Die meisten dieser Schulen sind immer noch besetzt.

Die Regierung hat schon mehrere Taktiken versucht, um die Bewegung zu brechen. Als erstes haben Stellvertreter*innen der Regierung vorgeschlagen, dass die Schüler*innen die Besetzung abbrechen, damit sie mit dem Gouverneur in seinem Büro verhandeln können.

Die Antwort der Besetzer*innen war, dass der Gouverneur Repräsentant*innen zu ihnen schicken soll und dass sie nicht vorhaben, die Schule zu verlassen. Die Regierung hat auch versucht mit jeder Schule einzeln zu verhandeln, um eine „Teile und Herrsche“-Taktik umzusetzen. Die Schüler*innen lehnten ab, dass mit jeder Schule einzeln verhandelt wird und haben gesagt, dass sie gemeinsame Verhandlungen für alle oder gar keine Schulen wollen.

Die Medien haben eine andere hinterlistige Taktik verwendet, in dem sie behaupteten, dass die Schüler*innen schon gesiegt haben, weil laut ihnen die Schulschließungen abgewendet wurden, doch der Gouverneur hatte nur verkündet, dass es keine Schließungen im Jahr 2015 geben soll.

Die Regierung hat auch die Polizei eingesetzt, um die Besetzer*innen einzuschüchtern und sogar versucht, die besetzten Schulen zu räumen. An manchen Schulen hat die Polizei auf die Schüler*innen eingeschlagen und sie verhaftet.

Die brasilianischen Schüler*innen wurden durch das Beispiel der chilenischen Studierenden inspiriert, die 2011 Massenproteste und Besetzungen organisiert hatten, um für freie und kostenlose Bildung zu kämpfen – diese Bewegung wurde als „chilenischer Winter“ bekannt. Während der Besetzungen in Brasilien haben Studierende aus Chile über Skype mit den brasilianischen Besetzer*innen Kontakt aufgenommen und ihnen Tipps gegeben, sie unterstützt und ermutigt.

Die Proteste organisieren

Ein*e an der Besetzung teilnehmende*r Schüler*in sagte: „Wir führen nicht nur die Schule wie wir wollen, sondern errichten auch die Welt, die wir wollen.“ Sicherlich ist die Art, in der die Schüler*innen der Oberschulen sich organisiert haben, vorbildhaft: Als erstes werden alle Entscheidungen, die die Besetzungen betreffen, durch Versammlungen und demokratische Abstimmungen beschlossen. Die Versammlungen dienen als Organisationsform der Besetzungen und um die tägliche Probleme, die aufkommen, zu lösen.

Jede Schule hat Komitees, die sich um die Notwendigkeiten der Besetzung kümmern: Vom Kochen und Saubermachen bis zur gesellschaftlichen Ausstrahlung. Medien und gesellschaftliche Ausstrahlung sind zentrale Punkte der Besetzungen, denn die Schüler*innen zählen auf die Unterstützung der Gesellschaft, um die Materialien, die sie für die Fortführung der Besetzungen brauchen, zu bekommen. Tatsächlich gingen die Schüler*innen von den meisten der besetzten Schulen in der Nachbarschaft der Schule von Tür zu Tür, um den Nachbar*innen die Besetzung zu erklären und um Essensspenden zu bitten. Die meisten Schulen haben Küchen, welche die Besetzer*innen benutzt haben, um jeden Tag mit Hilfe der Schulvorräte und der Spenden der Nachbarschaft zu kochen.

Die Schüler*innen, die an der Front der Besetzung stehen, sind größtenteils Schwarze und Frauen.
Diese Schüler*innen argumentieren, dass es zentral ist, die existierenden Formen der Unterdrückung zu zerstören und haben deshalb die Wichtigkeit der Geschlechtergleichheit bei den Aufgaben in den Schulen betont, damit sichergestellt ist, dass auch die Jungs „traditionell weibliche“ Aufgaben wie Kochen und Saubermachen übernehmen.

Zum Thema Unterricht sagte ein*e Schüler*in: „Ich lerne in diesen paar Monaten mehr als ich in Jahren in der Schule gelernt habe. Wir bringen mehr Kultur in die Schule als ich jemals in einer öffentlichen Schule in Brasilien gesehen habe.“ Organisationen wurden während der Besetzung eingeladen in der Schule Workshops über Themen wie Feminismus und die Medien, Trommeln und Schüler*innenrechte durchzuführen. Vor der Besetzung mussten die Lehrer*innen einem Lehrplan folgen, der auf die Vorbereitung auf standardisierte Tests basierte. Während der Besetzung haben die Schüler*innen über die Unterrichtsthemen, die sie interessieren, abgestimmt und die Lehrer konnten Kurse, die auf ihren eigenen Interessengebieten basierten, anbieten. Schüler*innen besuchten Kurse über die Russische Revolution und den Arabischen Frühling – beides Themen, die durch den traditionellen Lehrplan nicht behandelt werden.

Als Ende November über 190 Schulen besetzt waren, haben manche besetzte Schulen den Protest so in einer öffentlicheren Weise durchgeführt, dass die Regierung sie nicht mehr ignorieren konnte.
Die Schüler*innen beschlossen mit ihren Schultischen auf die Straße zu gehen und mit ihnen den Verkehr lahmzulegen, indem sie sich mitten auf der Straße auf die Tische gesetzt haben. Die Protestierenden erfuhren massive Repression durch die Polizei, die Tränengas und Gummigeschosse einsetzte und auch manche der Protestierenden verhaftete.

In den ersten Dezemberwochen erlangten die Schüler*innen einen wichtigen Sieg: Der Gouverneur von Sao Paulo verkündete, dass er 2016 keine Schulen schließen würde, und dass es wichtig wäre, einen Dialog zu führen. Die Regionalkonferenz der besetzten Schulen, zu der jede besetzte Schule Delegierte gesendet hatte, beschloss die Besetzungen weiterzuführen bis er offiziell beschließt, dass keine Schulen geschlossen werden und dass keine Schüler*innen, Eltern, Lehrer*innen, Beamt*innen oder Unterstützer*innen wegen den Besetzungen verfolgt wird.

Am Mittwoch, den 9. Dezember gab es massive Proteste für die besetzten Schulen an denen 10.000 Menschen teilnahmen. In der gleichen Woche wurden 3 Schulen im Distrikt Goiais besetzt, um auch gegen die Schulschließungen in diesem Distrikt zu demonstrieren.

Weihnachten und das neue Jahr stehen an, doch die Besetzer*innen sind immer noch nicht demoralisiert. Ein*e Schüler*in sagte: „Wir werden Weihnachten und Silvester in der Schule feiern“.

In einem Land, dass durch die Wirtschaftskrise erschüttert wurde und in dem die Regierung den Arbeiter*innen die Sozialleistungen kürzt, zeigen die Schüler*innen von Sao Paulo dem Land, dass es möglich ist, sich erfolgreich gegen die Regierung zu erheben. Sie zeigen, dass Schüler*innen und Arbeiter*innen nicht die sein sollten, die die Wirtschaftskrise bezahlen, und dass die Schüler*innen gemeinsam das brasilianische staatliche Schulsystem ändern können.

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